Dein Werkzeugkoffer für das systematische Analysieren von Sagen
Bevor du eine Sage verstehen und deuten kannst, musst du wissen, was eine Sage überhaupt ist und was sie von anderen Textarten unterscheidet.
Eine Sage ist eine mündlich überlieferte Erzählung, die an einen realen Ort oder eine historische Person gebunden ist. Sie erklärt oft, wie bestimmte Orte, Namen oder Bräuche entstanden sind.
Während das Märchen mit „Es war einmal..." beginnt und an keinem bestimmten Ort spielt, nennt die Sage konkrete Orte (Villach, Wörthersee, Koralpe) und echte Berge, Seen oder Gebäude. Die Sage behauptet: „Das ist wirklich passiert!"
Jede Sage spielt an einem konkreten Ort in Kärnten: einem Berg, See, Dorf oder Gebäude.
Es treten magische Wesen auf: Zwerge, Wassermänner, Elfen oder verwunschene Schätze.
Die Sage enthält eine Botschaft: über Tugenden, Fehler oder das richtige Verhalten.
Kärntner Sagen verwenden bestimmte wiederkehrende Motive (Themen und Figuren). Wenn du diese kennst, verstehst du neue Sagen viel leichter!
In der Sage vom Wassermann schützt das C+M+B+ an der Haustür die Magd vor dem Wassermann. Dieses Zeichen (Caspar, Melchior, Balthasar oder „Christus mansionem benedicat" = Christus segne dieses Haus) wird am 6. Jänner auf Türen geschrieben und gilt als Schutz vor dem Bösen.
Kärntner Sagen sind oft in einer altertümlichen Sprache geschrieben. Hier sind deine Werkzeuge, wenn du Schwierigkeiten hast!
1. Schwierige Wörter identifizieren:
2. Satz vereinfachen:
„Die Bauern machten einen Plan. Sie fingen einen Zwerg, um die anderen zu zwingen, ihren Schatz herzugeben."
1. Schwierige Wörter:
2. Vereinfacht:
„Der Zwerg hatte so starkes Heimweh, dass er seinen Entführern schließlich sagte: Er könne ihnen zwar kein Gold geben, aber er wolle ihnen auf andere Weise helfen."
Kärntner Sagen verwenden oft veraltete Wörter und Ausdrücke. Hier ist dein Wörterbuch!
Jede Sage hat eine Oberfläche (was passiert) und eine tiefere Bedeutung (was die Sage uns sagen will). So findest du beides!
Was passiert?
Die Handlung zusammenfassen
Was erklärt die Sage?
Ortsnamen, Landschaften, Bräuche
Was lehrt die Sage?
Werte, Warnungen, Lebensweisheiten
| Thema | Botschaft | Beispiel |
|---|---|---|
| Versprechen | Halte dein Wort – wer es bricht, wird bestraft | Der Jäger in „Die Elfenkönigin" verrät sein Geheimnis |
| Habgier | Gier führt zu Unglück | Die Gewerken in „Die eiserne Henne" |
| Dankbarkeit | Gute Taten werden belohnt | Das Bergmännlein gibt den Bauern fruchtbares Land |
| Demut | Sei nicht übermütig gegenüber den Armen | Die Witwe verflucht die grausamen Besitzer |
| Schutz | Der Glaube und Zeichen schützen vor dem Bösen | C+M+B+ schützt vor dem Wassermann |
| Träume | Achte auf Zeichen und Träume | Der Traum des Soldaten führt zum Schatz |
Hier sind fünf Kärntner Sagen mit vollständiger Analyse. Studiere sie sorgfältig!
Einstens begab sich der Eigentümer des Hausergehöftes auf dem Goldberg, einem Ausläufer des Jaukengebirges, nach Villach. Auf der Villacher Brücke bettelte ihn ein alter Soldat an und sagte dazu: "Ich brauchte nicht zu betteln, sondern könnt' reich sein, wenn ich wüßt', wo der Goldberg zu finden ist; mir träumte, daß unterm Herd beim Hauser im Goldberg ein großer Schatz verborgen liegt. Aber wo ist der Goldberg?" - Der Hauserbauer wurde stutzig. "Bin auch arm", dachte er, beschenkte den Soldaten und eilte heim.
Schleunig machte er sich an die Arbeit, den Herd abzutragen, und richtig fand er den Schatz, einen mit Gold gefüllten Häfen. Aus dem armen Schlucker wurde ein reicher Mann. Zum Dank ließ er auf der Höhe des Goldberges ein Kirchlein bauen, das noch heute mit seinem schlanken Türmchen vom Goldberg niederschaut.
Franz Pehr, Kärntner Sagen, 1913
Bedeutung: Er wurde aufmerksam und nachdenklich. „Stutzig werden" bedeutet, dass man plötzlich innehält, weil etwas Unerwartetes passiert.
Bedeutung: Einen Topf voller Gold. „Häfen" ist ein altes österreichisches Wort für „Topf".
In dem fruchtbarsten Tale Kärntens, dem Lavanttale, breitete sich vor alten Zeiten ein weiter See mit dunkelgrünem Wasser aus, von mächtigen Bergen eingerahmt, die seine Fluten am Abfluß hinderten. Nur wenige Leute wohnten an den Ufern, denn zu Zeiten stieg das Wasser plötzlich und schwemmte die menschlichen Ansiedlungen, die zu nahe dem Ufer standen, hinweg. Im Innern der Koralpe hausten damals Zwerge. Sie schienen emsig zu schaffen, denn oft wurden sie von Bauern aus der Ferne beobachtet, aber niemand wußte zu sagen, worin ihre Arbeit bestand. Dennoch verbreitete sich in der Gegend das Gerücht, daß die Zwerge Gold und andere Schätze in Haufen aus dem Berge trügen und an unzulängliche Orte brächten.
Da verabredeten sich die Bauern, ihnen die Schätze abzunehmen, und erspähten eine Gelegenheit, wo sie ein Zwerglein fingen, um seine Genossen zur Herausgabe ihrer verborgenen Schätze zu zwingen. Es wurde in sicheren Gewahrsam gebracht und lange Jahre gefangen gehalten, obwohl es immer von neuem beteuerte, keine Schätze zu besitzen. Die Habsüchtigen glaubten seinen Worten nicht und ließen es dreißig Jahre in der Gefangenschaft schmachten; nur wenn es ihnen den Schatz der Zwerge ausliefere, sollte es zu den Seinen wiederkehren dürfen.
Von unerträglicher Sehnsucht nach dem Berge gequält, eröffnete der Kleine seinen Peinigern endlich, daß er ihnen zwar kein Gold verschaffen könne, aber sich durch eine Tat dankbar bezeigen wolle, die allen Anwohnern des Sees ungeheuren Nutzen bringen werde. Damit begnügten sich die Menschen und ließen ihn laufen. Nach einigen Tagen vernahmen sie ein furchtbares Rollen im See, das fernem Donner glich. Alles eilte bestürzt dem Wasser zu, man fürchtete ein neues Unheil. Aber welch freudige Überraschung bot sich den Leuten, als sie sahen, was der Zwerg getan. Das Wasser war verschwunden und ein breites Tal dehnte sich vor den Erstaunten aus, dessen schlammiger Boden vortreffliches Ackers und Wiesenland spendete.
Nach und nach bauten sich dort Menschen an und so entstanden auf den Hängen und im Talboden die zahlreichen Ansiedlungen, denen man den Wohlstand von weitem ansehen kann. An jener Stelle, wo der See am tiefsten gewesen, wurde Wolfsberg erbaut.
Franz Pehr, Kärntner Sagen, 1913
Bedeutung: Eingesperrt, gefangen gehalten. „Gewahrsam" bedeutet Haft oder Gefangenschaft.
Bedeutung: Zeigen, dass er dankbar ist (obwohl er schlecht behandelt wurde – er ist dankbar für die Freilassung).
In den heißen Tagen des Juli und August sucht man gerne die erquickende Kühle eines Bades auf und der Schwimmer fühlt sich in einem See am wohlsten. Leute, welche wegen der Arbeit tagsüber nicht baden können, gehen in der Dämmerung oder bei Mondschein nachts ins Bad, wie das bei Knechten und Mägden vorzukommen pflegt.
Auch eine junge Dirn, die bei einem Pörtschacher Bauer im Dienste stand, ging an einem Samstagabend allein in den Wörthersee baden. Sie mochte schon eine Weile im Wasser gewesen sein, als sie plötzlich von der Mitte her etwas heranschwimmen sah. Der See warf hohe Wellen und mit riesiger Eile nahte sich der Schwimmende. Sie erkannte an dem Schilfkranz in den Haaren und dem grünlichblassen Gesicht den ihr so häufig geschilderten Wassermann. Schreck und Angst erfaßte sie, und wie sie war, lief sie ihrem Wohnhause zu. Atemlos erreichte sie es, trat durch die Haustür und schlug sie gleich hinter sich zu, daß sie in Schloß und Riegel fiel.
Kaum war dies geschehen, vernahm sie auch schon den Wassermann vor der Tür, durch die er nicht eintreten konnte, weil ihm ein C+M+B+ den Eingang verleidete. Der Wassermann, gewohnt, alle Jahre ein paar hübsche Mädchen in sein kristallenes Schloß am Seegrunde zu ziehen, hatte diesmal das Nachsehen. Das Mädchen aber war zum letztenmal im See baden gewesen.
Georg Graber, Sagen aus Kärnten, 1941
Bedeutung: Die Tür war fest verschlossen. „Schloss und Riegel" sind Teile eines alten Türschlosses.
Bedeutung: Er kam zu spät / ging leer aus. Die Redewendung bedeutet, dass jemand nicht bekommt, was er wollte.
Ein lustiger Jäger, der in Hartelsberg wohnte, liebte ein reiches und hübsches Bauernmädchen derselben Ortschaft und sollte es in Kürze ehelichen. Als er eines Tages die Wälder an dem Gehänge der Koralpe durchstreifte und gerade beim „Elfenbrunn", einer eiskalten, kristallhellen Quelle, anlangte und sich mit einem vollen Trunk labte, erschien ihm ein verlockend schönes Weib, welches leutselig mit ihm zu sprechen begann und ihm gar bald Herz und Sinn verrückte. Es trug am blendenden Leibe ein langes, seegrünes Kleid und im wallenden Haare einen Schilfkranz. Sie küßten und herzten sich und als er fortging, mußte er ihr versprechen, bald wiederzukommen und keinem Menschen das Geheimnis seiner neuen Bekanntschaft zu verraten.
Als er wieder nach Hause kam und von seiner Braut, in deren Augen ein ganzer Himmel von Liebesglück sich spiegelte, umarmt wurde, vergaß er des gegebenen Wortes und erzählte ihr sein Erlebnis mit der Elfenkönigin.
Eine geraume Zeit war seither verstrichen; längst dachte er nicht mehr des lieblichen Wasserweibes, der Tag der Hochzeit brach an, die Ringe wurden gewechselt und am Abende begann im Wirtshause der übliche Hochzeitstanz. Plötzlich erschien unter den Tanzenden ein wundersames Weib, mit einem weißen Kleide angetan, einem grünen Kranz in den blonden Locken und mit einem Schleier, so zart wie duftiger Nebel. Kaum erschaute der Jäger die holde Gestalt, so stürzte er auf sie zu und begann mit ihr den Reigen. In leidenschaftlichem Tanze sauste das Paar dahin, dann wirbelte es aus dem Saale und war alsbald den Augen der Hochzeitsgesellschaft entschwunden.
Von bleichem Schreck befallen, verfolgte die Braut mit den Hochzeitsgästen die Davontanzenden, doch umsonst, sie konnten nicht mehr eingeholt werden. Als man am Morgen nach dem Neuvermählten weiter forschte, fand man ihn tot neben dem „Elfenbrunn" liegen. Die Elfenkönigin - sie war an dem feuchten Saum ihres Kleides erkannt worden - hatte ihren Liebsten geholt.
Georg Graber, Sagen aus Kärnten, 1941
Bedeutung: Sie machte ihn verliebt/verrückt. Er konnte nicht mehr klar denken.
Bedeutung: Sie trug ein weißes Kleid. „Angetan" bedeutet hier „bekleidet mit".
In altersgrauen Zeiten gab es im Oswaldberg reiche Goldgruben. Die Eigentümer derselben zahlten den Arbeitern hohen Sold, und da der Reichtum des tiefen Schachtes ein unerschöpflicher schien, führten die Herren ein üppiges, schwelgerisches Leben. Anstatt jedoch den Dürftigen von ihrem Überfluss zu reichen, benützten sie deren Hilflosigkeit, um Übermut und tolle Launen an ihnen zu üben.
Am Fuße des Berges lebte zu dieser Zeit eine arme Witwe kümmerlich von ihrer Hände Arbeit; ihr ganzer Reichtum war eine Kuh, ein Geschenk der im fernen Lande lebenden Freifrau. Oft gedachte sie in ihren frommen Gebeten der edlen Spenderin. - Da geschah es, dass die Gewerken sich dies arme Weib zum Gegenstand ihres Übermutes wählten. Mit einer Botschaft wurde sie zur Stadt gesandt und inzwischen die Kuh aus dem Stalle geholt, getötet, die Haut mit Stroh gefüllt und an die alte Stelle gebracht.
Müde kehrte das arme Weiblein gegen Abend heim und eilte zum Stalle, um ihre Kuh zu tränken und zu melken. Da sieht sie das Geschehene und eilt hinaus, die Nachbarn in der Runde zu fragen, wer den Frevel begangen. Und überall erhält sie dieselbe Kunde, dass der Herren Übermut den tollen Plan ersann.
Stumm kehrte sie in ihre Hütte zurück; doch ihr sonst so friedliches Gemüt ist von Rachegedanken erfüllt. Am nächsten Morgen wandert sie zu ihrem Vetter, dem Schmiede, der muss ihr eine Henne und Eier aus rohem Erze schmieden. Diese bringt sie in den tiefen Stollen und spricht: »So wenig diese Henne je wird Eier brüten, so wenig sei das Glück euch wieder hold!«
Schreckensbleich und ohne das gewohnte „Glück auf" zogen am nächsten Morgen die Knappen zum Schachte; hatte sich doch die Runde von der Verwünschung der Alten rasch verbreitet. - Und in der Tat, nur taubes Gestein traf der Schlägel, versiegt war die goldene Quelle, und so sehr die Gewerksherren den Berg durchwühlen ließen, nicht ein Stäubchen Goldes wurde mehr gefunden.
Und noch heutigen Tages liegt der Fluch der Witwe auf dem Stollen des Oswaldberges.
J. Rappold, Sagen aus Kärnten, 1887
Bedeutung: Sie lebten luxuriös und verschwenderisch. „Schwelgerisch" bedeutet übertrieben genießerisch.
Bedeutung: Die Bergarbeiter fanden nur wertloses Gestein (ohne Gold). „Taub" bedeutet hier „ohne Erzgehalt".
Jetzt bist du dran! Übe das Analysieren und Deuten von Sagen.
Welche Motive findest du in den fünf Beispiel-Sagen? Ordne zu!
Übersetze diese altertümlichen Ausdrücke in heutiges Deutsch:
Wähle eine der fünf Sagen und beantworte:
Teile „Die Elfenkönigin" in die vier Teile einer Sage ein:
Hake ab, was du schon kannst:
Hake alle erledigten Punkte ab!
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