12 spannende Geschichten zum Auswendiglernen
Es war ein dunkler Herbstabend, als ich durch den alten Park ging. Die Straßenlaternen flackerten, und der Wind zerrte an den kahlen Bäumen. Plötzlich stolperte ich über etwas und fiel hin. Als ich aufstand, sah ich neben mir auf dem Boden etwas Seltsames liegen – eine Hand. Aber keine normale Hand. Sie war grau und sah aus, als würde sie nicht zu einem lebenden Menschen gehören.
Ich wollte wegrennen, doch die Hand begann sich zu bewegen. Die Finger krümmten sich, und die Hand krabbelte wie eine Spinne auf mich zu. Mein Herz klopfte wie wild. Die Hand wurde schneller. Ich stolperte rückwärts und fiel gegen eine Parkbank. Die Geisterhand kletterte die Bank hoch, immer näher kam sie.
Plötzlich sprang die Hand auf meine Schulter. Ich spürte eiskalte Finger an meinem Hals. Eine heisere Stimme flüsterte: "Du hast mich gefunden. Jetzt gehöre ich dir." Die Finger drückten zu, und mir wurde schwarz vor Augen. Ich wollte schreien, aber kein Ton kam aus meinem Mund.
Dann war die Hand plötzlich verschwunden. Ich lag auf dem kalten Boden und atmete schwer. War das ein Traum gewesen? Aber als ich auf meine Schulter blickte, sah ich dort einen grauen Handabdruck, der nicht weggehen wollte. Seit diesem Tag fühle ich manchmal nachts eine kalte Berührung an meinem Hals.
Ich lag in meinem Bett und wollte gerade einschlafen, als ich es zum ersten Mal hörte. Ein kratzendes Geräusch kam aus der Wand über meinem Kopf. Kratz, kratz, kratz. Es hörte nicht auf. Zuerst dachte ich, es wären Mäuse oder ein Vogel im Dachboden. Aber das Geräusch klang anders. Es klang, als würde jemand mit Fingernägeln über die Tapete kratzen.
Das Kratzen wurde lauter und schneller. Kratz, kratz, kratz, kratz! Ich saß aufrecht im Bett und starrte auf die Wand. Die Tapete begann sich zu bewegen. Etwas drückte von innen dagegen. Eine Beule bildete sich, wurde größer und größer. Das Kratzen wurde so laut, dass es in meinen Ohren schmerzte. Meine Hände zitterten, als ich die Bettdecke umklammerte.
Plötzlich riss die Tapete. Durch das Loch in der Wand kamen lange, dünne Finger. Sie waren grau und knochig, die Fingernägel schwarz und spitz. Die Hand tastete in der Luft herum, suchte nach etwas. Nach mir! Ich wollte schreien, aber vor Schreck blieb mir die Luft weg. Die Hand kam näher und näher zu meinem Gesicht.
Da klingelte plötzlich mein Wecker. Ich schreckte hoch und rieb mir die Augen. Ein Albtraum! Erleichtert atmete ich aus. Doch als ich zur Wand über meinem Bett blickte, sah ich dort etwas, das nicht da sein sollte: drei lange Kratzer in der Tapete, frisch und tief.
Es sollte ein ganz normaler Schultag werden. Ich stand auf, frühstückte und ging zur Schule. Aber schon am Morgen war irgendetwas seltsam. Die Straßen waren völlig leer. Kein einziges Auto fuhr vorbei, kein Mensch war zu sehen. Auch in der Schule war niemand. Die Türen standen offen, aber die Klassenzimmer waren leer. Wo waren nur alle?
Ich lief durch die leeren Gänge der Schule. Meine Schritte hallten unheimlich wider. Plötzlich hörte ich Stimmen aus dem Musikzimmer. Ich öffnete die Tür – und da saßen sie alle! Meine Mitschüler, meine Lehrerin. Aber sie sahen mich nicht an. Sie starrten alle auf einen Punkt an der Wand und murmelten leise vor sich hin. Als ich näher kam, drehten sie gleichzeitig ihre Köpfe zu mir. Ihre Augen waren komplett schwarz.
"Du bist zu spät", sagten alle im Chor mit einer fremden, tiefen Stimme. "Der Tag hat schon begonnen. Jetzt bist du einer von uns." Sie standen auf und kamen langsam auf mich zu. Ihre Bewegungen waren steif wie bei Puppen. Ich wollte zur Tür rennen, aber sie war plötzlich verschlossen. Die schwarzen Augen kamen immer näher.
Ich wachte schweißgebadet in meinem Bett auf. Nur ein Traum! Ich sah auf die Uhr – ich hatte verschlafen! Schnell zog ich mich an und rannte zur Schule. Als ich ankam, starrten mich alle an. "Warum schaut ihr mich so an?", fragte ich nervös. Meine Freundin flüsterte: "Weil heute Samstag ist. Die Schule ist zu."
Ich war allein zu Hause, als das Telefon klingelte. Es war schon fast Mitternacht. Wer rief denn jetzt noch an? Ich nahm ab. "Hallo?", sagte ich. Am anderen Ende war Stille. Dann hörte ich ein Flüstern. Es war so leise, dass ich es kaum verstehen konnte. "Ich komme", flüsterte die Stimme. Dann legte jemand auf.
Ich versuchte mir einzureden, dass es ein dummer Streich war. Aber mein Herz klopfte trotzdem schnell. Eine halbe Stunde später klingelte das Telefon wieder. Diesmal war die Stimme lauter: "Ich bin näher gekommen." Wieder wurde aufgelegt. Mir wurde kalt. Wer war das? Ich schloss alle Türen und Fenster ab. Um halb eins klingelte es das dritte Mal. Die Stimme war jetzt klar zu hören: "Ich bin vor der Tür."
Ich wagte nicht, zur Haustür zu schauen. Das Telefon klingelte wieder. Mit zitternden Händen nahm ich ab. "Ich bin jetzt hinter dir", flüsterte die Stimme direkt in mein Ohr. Ich wirbelte herum – aber da war niemand. Dann ging das Licht aus. In der Dunkelheit hörte ich Schritte. Etwas berührte meine Schulter. Eiskalte Finger.
Ich schrie und stolperte rückwärts. Das Licht ging plötzlich wieder an. Niemand war da. Ich rannte zum Telefon und rief meine Eltern an. Als sie nach Hause kamen, überprüften sie das Telefon. Die letzten eingehenden Anrufe kamen von unserem eigenen Festnetzanschluss. Aber das war unmöglich. Das Telefon hatte niemand außer mir berührt.
Wir waren auf Klassenfahrt in einem alten Schloss, das jetzt eine Jugendherberge war. Meine Freundin Lisa und ich teilten uns ein Zimmer im Turm. Das Zimmer war klein und dunkel, und aus dem Fenster sah man direkt auf den alten Friedhof neben dem Schloss. "Das ist gruselig", flüsterte Lisa, als wir ins Bett gingen. Ich lachte nur. Doch mitten in der Nacht wachte ich auf.
Etwas hatte mich geweckt. Ein Geräusch, das vom Fenster kam. Klopf, klopf, klopf. Ich setzte mich im Bett auf und starrte zum Fenster. Dort, hinter der Scheibe, war ein Gesicht. Ein blasses, blasses Gesicht mit großen, dunklen Augen. Es klopfte wieder. Klopf, klopf, klopf. "Lisa!", zischte ich. Aber Lisa schlief tief und fest. Das Gesicht am Fenster lächelte. Dann begann es, das Fenster zu öffnen.
Ich wollte schreien, aber vor Angst kam kein Ton heraus. Das Fenster ging langsam auf. Eine Hand kam herein, dann noch eine. Die Gestalt kletterte ins Zimmer. Sie trug ein altes, zerrissenes Kleid und hatte lange, nasse Haare. "Warum stört ihr meine Ruhe?", fragte sie mit einer Stimme, die klang wie knirschender Kies. Sie kam näher zu meinem Bett. Ihre Augen leuchteten im Dunkeln.
Da ging plötzlich die Tür auf. Unsere Lehrerin kam herein. "Was macht ihr denn für einen Lärm?", fragte sie und knipste das Licht an. Die Gestalt war verschwunden. Das Fenster war geschlossen. "Ich... ich habe schlecht geträumt", stammelte ich. Am nächsten Morgen zeigte uns ein Schlosswärter alte Fotos. Auf einem erkannte ich die Frau aus meinem Zimmer. Sie war vor hundert Jahren in diesem Turm gestorben.
Unser Klassenausflug führte uns zu einer alten Burgruine. Der Fremdenführer erzählte uns von einem Ritter, der hier vor vielen hundert Jahren gelebt hatte. Er war böse gewesen und hatte viele Menschen gequält. Schließlich war er in der Burg eingemauert worden. "Man sagt, sein Geist spukt noch immer hier", sagte der Führer und grinste. Wir lachten alle. Aber ich hatte ein komisches Gefühl.
Nach der Führung durfte ich kurz alleine auf die Toilette gehen. Sie war in einem abgelegenen Teil der Burg. Als ich wieder herauskam, waren alle weg. Die Gänge waren leer. "Hallo?", rief ich. Niemand antwortete. Ich lief durch die dunklen Korridore und versuchte, den Ausgang zu finden. Plötzlich hörte ich Schritte hinter mir. Schwere, metallische Schritte, als würde jemand in einer Rüstung gehen.
Ich drehte mich um und sah ihn. Ein Ritter in einer rostigen Rüstung stand da. Wo sein Gesicht sein sollte, war nur Dunkelheit. Er hob sein Schwert. "Du hast mein Reich betreten", dröhnte eine tiefe Stimme. "Niemand verlässt diese Burg lebend." Er kam auf mich zu. Ich rannte, so schnell ich konnte. Die Schritte folgten mir. Ich stolperte eine Treppe hinunter und fiel hin.
Als ich aufwachte, lag ich auf einer Bank im Burghof. Meine Lehrerin beugte sich über mich. "Du bist gestürzt und hast dir den Kopf gestoßen", sagte sie besorgt. Ein Albtraum also! Erleichtert lächelte ich. Doch dann sah ich auf meinem Arm einen blauen Fleck – in der Form einer gepanzerten Hand. Und ich höre noch heute manchmal nachts metallische Schritte.
Ich wachte mitten in der Nacht auf und wusste nicht warum. Mein Zimmer war dunkel und still. Aber irgendetwas fühlte sich falsch an. Ich knipste das Licht an – es funktionierte nicht. Ich griff nach meinem Handy auf dem Nachttisch. Es war nicht da. Auch meine Uhr war weg. Wo war ich überhaupt? Das war nicht mein Zimmer.
Langsam gewöhnten sich meine Augen an die Dunkelheit. Die Wände um mich herum waren aus Stein. Ich lag auf einer alten Matratze auf dem Boden. Die Tür war aus schwerem Holz mit Eisenbeschlägen. Wo war ich? War ich entführt worden? Ich stand auf und versuchte, die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. Dann hörte ich Schritte draußen auf dem Gang. Jemand kam näher.
Ein Schlüssel drehte sich im Schloss. Die Tür ging langsam auf. Im Türrahmen stand eine Gestalt in einem langen, schwarzen Umhang. "Endlich bist du wach", sagte eine tiefe Stimme. "Du schläfst schon so lange. Fünfzig Jahre, um genau zu sein." "Was? Das ist unmöglich!", schrie ich. Die Gestalt trat ins Licht einer Fackel. Ihr Gesicht war bleich, die Augen rot. Spitze Zähne blitzten auf.
Ich wachte schweißgebadet auf. Diesmal wirklich in meinem Bett, in meinem Zimmer. Das Licht funktionierte, mein Handy lag neben mir. Nur ein böser Traum! Ich atmete erleichtert aus. Doch als ich ins Badezimmer ging und in den Spiegel schaute, sah ich zwei kleine rote Punkte an meinem Hals. Frisch. Und sie taten weh.
Es war drei Uhr morgens, als mich ein lauter Knall aufweckte. Er kam von unten, aus dem Wohnzimmer. Hatten wir Einbrecher? Mein Herz klopfte wild. Ich stand leise auf und schlich zur Treppe. Meine Eltern schliefen fest. Sollte ich sie wecken? Unten war es still. Vielleicht war nur etwas umgefallen. Langsam ging ich die Treppe hinunter.
Das Wohnzimmer war dunkel. Ich tastete nach dem Lichtschalter. Klick – nichts passierte. Die Glühbirne musste kaputt sein. Im schwachen Mondlicht, das durch das Fenster fiel, sah ich, dass der große Spiegel an der Wand auf dem Boden lag. Er war in tausend Stücke zerbrochen. Aber wie war das passiert? Dann bewegte sich etwas in den Scherben. Eine Gestalt. Sie kroch aus den Spiegelstücken heraus, wurde größer und größer.
Die Gestalt richtete sich auf. Sie sah aus wie ich! Genau wie ich, nur dass ihre Augen komplett schwarz waren und sie böse grinste. "Endlich bin ich frei", sagte mein Spiegelbild mit meiner Stimme. "So lange war ich im Spiegel gefangen. Jetzt übernehme ich dein Leben." Sie kam auf mich zu. Ich wich zurück und stolperte über die Scherben. Mein Doppelgänger beugte sich über mich.
Ich schrie laut. Sofort gingen die Lichter an. Meine Eltern kamen die Treppe heruntergerannt. "Was ist los?", rief Papa. Der Spiegel hing unbeschädigt an der Wand. Keine Scherben, keine Gestalt. "Ich... ich dachte, ich hätte..." Mama nahm mich in den Arm. "Ein Albtraum, mein Schatz." Aber als ich zum Spiegel schaute, zwinkerte mir mein Spiegelbild zu. Nur mir allein.
Meine beste Freundin Emma zog um. Weit weg, in eine andere Stadt. Wir verabschiedeten uns und versprachen uns, jeden Tag zu schreiben. Die ersten Wochen funktionierte das auch gut. Dann kamen ihre Nachrichten seltener. Eines Tages schrieb sie mir: "Hier ist etwas seltsam. Die Leute verhalten sich komisch. Ich glaube, ich sollte hier weg." Das war ihre letzte Nachricht.
Ich versuchte Emma anzurufen, aber sie ging nicht ans Telefon. Ich schrieb ihr hundert Nachrichten – keine Antwort. Nach einer Woche hielt ich es nicht mehr aus. Ich nahm den Zug in ihre neue Stadt. Als ich an ihrer Adresse ankam, stand ich vor einem alten, heruntergekommenen Haus. Die Fenster waren mit Brettern vernagelt. Ein alter Mann ging vorbei. "Entschuldigung, wohnt hier die Familie Wagner?", fragte ich. Er sah mich erschrocken an. "Die Wagners? Die sind vor zwanzig Jahren verschwunden."
Das konnte nicht sein! Emma hatte mir doch Fotos von ihrem neuen Zimmer geschickt! Ich kramte in meinem Handy nach den Bildern. Doch als ich sie öffnete, war ich wie versteinert. Auf den Fotos sah ich jetzt Details, die mir vorher nicht aufgefallen waren: Spinnweben überall, zerbrochene Möbel, an der Wand mit Blut geschrieben "HILFE". Mein Handy piepte. Eine neue Nachricht von Emma: "Warum hast du mich nicht gerettet?"
Ich rannte weg von dem Haus, so schnell ich konnte. Im Zug zurück löschte ich Emmas Nummer. Das musste ein böser Scherz sein. Zu Hause angekommen, schaute ich in mein altes Fotoalbum. Auf dem letzten Bild von mir und Emma – unserem Abschiedsfoto – war Emma plötzlich verschwommen. Als wäre sie nie richtig da gewesen. Und ich weiß bis heute nicht, ob ich sie mir nur eingebildet habe.
Wir fanden die schwarze Katze vor unserer Haustür. Sie war ganz dünn und sah hungrig aus. Mama erlaubte mir, sie zu behalten. Ich nannte sie Luna. Luna war eine seltsame Katze. Sie schlief den ganzen Tag und wurde erst nachts richtig wach. Und sie war immer eiskalt, egal wie warm es im Haus war. Aber ich liebte sie trotzdem.
Nach ein paar Wochen begann Luna sich merkwürdig zu verhalten. Nachts stand sie vor meinem Bett und starrte mich an. Ihre Augen leuchteten grün im Dunkeln. Manchmal sprang sie auf meine Brust und blieb dort sitzen, so schwer, dass ich kaum atmen konnte. Einmal wachte ich auf, weil etwas Kaltes mein Gesicht berührte. Luna leckte mein Gesicht ab. Aber ihre Zunge fühlte sich an wie Eis.
In einer Nacht wachte ich auf und Luna saß wieder auf meiner Brust. Aber diesmal war sie anders. Ihr Körper war durchsichtig geworden, ich konnte durch sie hindurchsehen. Ihre Augen glühten rot. "Endlich habe ich genug Kraft gesammelt", sagte eine Stimme in meinem Kopf. Luna öffnete ihren Mund – er wurde größer und größer, wie ein schwarzes Loch. "Jetzt übernehme ich deinen Körper!" Ich konnte mich nicht bewegen.
Plötzlich klingelte mein Wecker. Luna sprang erschrocken von mir runter und rannte aus dem Zimmer. Hatte ich das wirklich erlebt? Am nächsten Tag war Luna verschwunden. Wir suchten überall, aber sie war weg. Meine Oma kam zu Besuch und sah ein Foto von Luna. Ihr Gesicht wurde blass. "Das ist die Katze, die früher meiner Großmutter gehörte", flüsterte sie. "Aber die ist vor hundert Jahren gestorben."
In der Ecke meines Zimmers baute eine große Kreuzspinne ihr Netz. Normalerweise hatte ich Angst vor Spinnen, aber diese hier war besonders. Sie war riesig, mit einem gelb-schwarz gestreiften Körper. Ich wollte sie wegmachen, doch meine Mutter sagte: "Lass sie, sie fängt Mücken." Also blieb die Spinne. Und sie wurde immer größer.
Eines Nachts lag ich im Bett und konnte nicht schlafen. Plötzlich hörte ich eine Stimme: "Du bist noch wach." Ich schreckte hoch. Niemand war im Zimmer. "Hier oben", sagte die Stimme wieder. Ich blickte zur Zimme
Drei Gruselgeschichten zur Vorgabe B 67
Es war schon halb neun am Abend, als meine Eltern losfuhren. Sie mussten meine Oma im Krankenhaus besuchen. "Wir sind in zwei Stunden zurück", sagte Mama. "Du bist ja schon groß genug, um alleine zu bleiben." Ich nickte tapfer, aber als die Haustür sich schloss, wurde mir etwas mulmig. Das Haus war plötzlich so still und leer.
Ich machte den Fernseher an, um nicht an die Stille zu denken. Nach einer halben Stunde klopfte es an der Haustür. Klopf, klopf, klopf. Ich schaute auf die Uhr. Viel zu früh für meine Eltern. Ich ging zur Tür und fragte: "Wer ist da?" Keine Antwort. Das Klopfen kam wieder, diesmal lauter. Klopf, klopf, klopf! Mein Herz begann schneller zu schlagen. Ich schaute durch den Spion in der Tür. Niemand war zu sehen.
Dann klopfte es am Fenster neben der Tür. Ich wirbelte herum und sah ein Gesicht, das mich anstarrte. Ein blasses Gesicht mit großen, schwarzen Augen. Es lächelte nicht, es bewegte sich nicht, es starrte nur. Ich wollte schreien, aber meine Stimme versagte. Das Gesicht verschwand. Doch das Klopfen kam jetzt von allen Seiten. An jeder Tür, an jedem Fenster. Klopf, klopf, klopf! Überall im Haus.
Ich rannte in mein Zimmer und verriegelte die Tür. Ich rief meine Eltern an, aber niemand ging ran. Das Klopfen wurde lauter und lauter. Dann plötzlich – Stille. Totale Stille. Nach einer Ewigkeit hörte ich den Schlüssel in der Haustür. Meine Eltern! Ich rannte hinunter. "Was ist denn los?", fragte Papa besorgt. Draußen vor jedem Fenster lag ein Stein. Jemand hatte gegen die Fenster geworfen. Aber wer? Und warum war niemand mehr da?
Meine Eltern gingen an diesem Abend ins Theater. Ich sollte um acht ins Bett gehen. "Du schaffst das schon", sagte Papa und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich war zwölf und wollte beweisen, dass ich schon groß war. Also sagte ich nichts von meiner Angst. Nach dem Abendessen saß ich im Wohnzimmer und machte meine Hausaufgaben.
Um halb neun wurde es draußen dunkel. Ich schaltete alle Lichter im Haus an. Das half ein bisschen. Doch dann sah ich etwas im Flur. Ein Schatten bewegte sich an der Wand. Aber es war niemand da, der diesen Schatten werfen konnte! Der Schatten wurde größer. Er kroch die Wand entlang auf mich zu. Ich rieb mir die Augen. Das konnte nicht real sein! Doch der Schatten wurde noch größer und bekam eine Form – die Form eines Menschen.
Der Schattenmensch löste sich von der Wand. Er wurde dreidimensional, kam näher. Ich konnte keine Augen erkennen, kein Gesicht, nur diese dunkle Gestalt. Sie streckte ihre schwarzen Arme nach mir aus. Ich stolperte rückwärts und fiel über einen Stuhl. Die Schattengestalt war jetzt direkt über mir. Ich spürte Kälte, eisige Kälte. Meine Stimme versagte, als ich schreien wollte. Die Schatten-Finger berührten mein Gesicht.
In diesem Moment ging die Haustür auf. "Wir sind wieder da!", rief Mama. Licht flutete den Flur. Der Schatten war verschwunden, als wäre er nie da gewesen. Ich lag zitternd auf dem Boden. "Was ist passiert?", fragte Papa erschrocken. Ich erzählte ihnen alles. Sie lachten sanft. "Nur deine Fantasie", sagten sie. Aber ich weiß, was ich gesehen habe. Und seit diesem Abend lasse ich nachts immer alle Lichter an.
An diesem Freitagabend waren meine Eltern bei Freunden eingeladen. "Wir sind gegen elf zurück", hatte Mama gesagt. Ich war alleine im Haus. Kein Problem, dachte ich. Ich war doch schon alt genug! Ich machte mir Pizza warm und schaute einen Film. Alles war gut – bis ich das Geräusch hörte. Es kam aus dem Keller. Ein Kratzen, dann ein Poltern.
Ich stellte den Fernseher leiser und lauschte. Wieder das Geräusch. Waren das Schritte? Schwere, langsame Schritte auf der Kellertreppe. Schritt für Schritt kamen sie näher zur Kellertür. Mein Herz raste. Sollte ich nachsehen? Nein, bloß nicht! Aber was, wenn wirklich ein Einbrecher im Keller war? Dann hörte ich es: Eine Stimme. Tief und dunkel. Sie rief meinen Namen. "Anna... Anna... komm herunter..."
Die Kellertür begann sich langsam zu öffnen. Quietschend, ganz langsam. Ich stand wie versteinert da. "Anna... ich warte schon so lange auf dich...", sagte die Stimme. Sie klang alt, sehr alt. Aus dem Türspalt kam kalter Nebel gekrochen. Er breitete sich auf dem Boden aus. In dem Nebel bewegte sich etwas. Eine Hand, die nach mir griff. Ich wollte wegrennen, doch meine Beine gehorchten nicht. Die Hand kam näher und näher.
Plötzlich klingelte mein Handy. Ich schrie auf. Es war Mama: "Wir kommen früher, sind in zehn Minuten da!" Ich rannte zur Kellertür und knallte sie zu. Als meine Eltern nach Hause kamen, durchsuchten wir gemeinsam den Keller. Nichts. Niemand. Aber auf der untersten Kellerstufe fand ich einen feuchten Handabdruck. Und die Kellerluft roch nach Erde und etwas Fauligem, das lange tot war.